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Deutsch-Deutsches im Spiegel der Karikatur

13 November - 4 Dezember

Deutschland / Deutschland

Über die Ausstellung

Fast sechs Jahrzehnte nach dem Bau der Berliner Mauer (1961) und 30 Jahre nach ihrem Fall erinnern wir an die staatliche Teilung, die vierzigjährige Trennung (1949-1990) und schließlich an die Wiedervereinigung Deutschlands mit der Distanz zum zeitgeschichtlichen Geschehen – auch wenn die „blühenden Landschaften“ (Helmut Kohl) mancherorts zwischen Rügen und Rennsteig noch immer auf sich warten lassen und wenn in den Köpfen von manchen Deutschen immer noch nicht „zusammen(ge)wachsen (ist), was zusammen gehört“ (Willy Brandt).

Wir erinnern an die 40 Jahre, in denen es eine deutsch-deutsche Geschichte gab, mittels des Mediums der Karikatur. Diese setzt anstelle der nüchternen Dokumentation spöttische Ironie und bissige Satire mit dem Weichzeichner der Kunst. Karikaturen sind gezeichnete Kurzkommentare und bringen treffsicher auf den Punkt, was mancher Leitartikel nicht schafft. „Optisches Juckpulver“ nennt sie der Wiener Künstler Gustav Peichl (Ironimus).

Karikaturen sind ein Spiegel für Meinungs- und Pressefreiheit. Kein Wunder, dass sich die Karikaturisten unter Ulbricht und Honecker schwertaten. Die SED-Granden durften von ihnen nicht ins karikierende Bild gesetzt werden. Selbst Franz-Josef Strauß – von den DDR-Medien gehasst und verhöhnt – durfte, nachdem er einen Milliardenkredit für die DDR eingefädelt hatte, von den DDR-Zeichnern nicht mehr aufs Korn genommen werden. Erst nach 1989 konnte sich die Karikatur auch auf dem Boden der ehemaligen DDR in einer nun freien Presse frei entfalten.

Die Ausstellung „Deutschland / Deutschland“ ist eine Zeitreise durch vier Jahrzehnte deutscher Teilung und schließt das mühsame Zusammenwachsen beider Deutschlands nach der wiedererlangten staatlichen Einheit ein. Die Bilder, die immer wieder zum Schmunzeln anregen, lassen Konrad Adenauer und Walter Ulbricht, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Erich Honecker wieder auferstehen. Sie streifen eine schwierige, leidvolle, oft auch groteske Zeitgeschichte – ironisch, satirisch, gnadenlos, pointiert aber auch humorig. Download Flyer

Helmut Schmidt
Kurator der Ausstellung

Die Werke

„Merkwürdig, dass wir den Kahn nicht flottkriegen“

H. Beyer
1947

Michel (West) und Michel (Ost) geraten ins Zentrum der Konfron­tation zwischen den Weltkrieg II­ Alliierten Frankreich, Großbritan­nien und USA auf der einen und der Sowjetunion auf der ande­ren Seite. Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus beherrscht das Verhältnis der ehemaligen Waffenbrüder. Am 5. März 1947 sagt der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill im Westminster College in Fulton (US ­Bundesstaat Mis­souri) in einer weltweit Aufsehen erregenden Grundsatzrede: „Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria hat sich ein eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt.“

Rosinen statt Bomben

Mirko Szewczuk
1948

Sämtliche Land- und Wasserwege nach und von Westberlin werden auf Anordnung von Kremlchef Josef W. Stalin am 24. Juni 1948 blockiert. Damit reagiert Moskau auf die Währungsreform in Westdeutschland und Westberlin. Der US-Militärgouverneur, General Lucius D. Clay, kontert mit einer Luftbrücke für Berlin. In 400 Tagen werden von amerikanischen und britischen Flugzeugen (im Berliner Jargon „Rosinenbomber“) bei über 200 000 Flügen fast zwei Millionen Tonnen Güter in das eingeschlossene Westberlin geflogen. Erst am 12. Mai 1949 gibt Stalin auf und beendet die Berlin-Blockade.

„Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf …“ *

Herbert Sandberg (DDR)
1948

Der Mitherausgeber des „Ulenspiegel“ (Zeitschrift für Literatur, Kunst und Satire in der DDR) sieht keine Zukunft im Marshallplan, mit dem die USA Westdeutschland und anderen vom Zweiten Weltkrieg hart getroffenen Ländern Europas auf die Beine helfen. Statt auf „Almosen von Amerikas Gnaden“ baut er lieber auf den sozialistischen Aufbauwillen in der Sowjetischen Besatzungszone. Der Ost-Michel fragt sich beflissen: „Wem fällt da die Wahl noch schwer?“ Eine wirkliche Wahl hat er allerdings gar nicht.

* aus der Hymne der FDJ

Mauerbauer

Hanns Erich Köhler
1949

Die beiden deutschen Michel (Ost und West) sind ein beliebtes Sujet der Karikaturisten. 1949 trennen sich ihre Wege für die nächsten vier Jahrzehnte. Mit der Einführung der D-Mark im Westen (20. Juni 1948) und der Währungsreform im Osten fünf Wochen später (24. Juli) ist die Teilung Deutschlands besiegelt. Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet, am 7. Oktober folgt die Staatsgründung der DDR. Die ideologische Mauer mitten durch Deutschland ist errichtet, zwölf Jahre später wird sie in Beton gegossen.

Blick nach vorn

Hanns Erich Köhler
1949

Prophetische Fähigkeiten beweist der Karikaturist Hanns Erich Köhler. Für die meisten Deutschen, die keine familiäre Bindung in den jeweils anderen Teil Deutschlands haben, wird diese Vorhersage schon bald Realität. Die Westbindung der Bundesrepublik und die Abschottung der DDR gegenüber dem Westen führen zur Entfremdung. Wird die deutsche Teilung das nationale Bewusstsein der Deutschen auf Dauer brechen können?

Adenauer spielt auf

Wilmar Riegenring (DDR) 
1951

Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, ist nicht nur bei den westdeutschen Karikaturisten beliebte Zielscheibe ihres Spotts. Der „Alte“ als Virtuose auf der Dollar-Geige mit Hakenkreuzen als Wirbel ist die Rache des satirischen DDR-Magazins „Frischer Wind“ für Adenauers kompromisslose Westorientierung sowie für Bonner Pläne einer Bewaffnung und NATO-Einbindung der Bundesrepublik.

„He – hinter Ihnen steht einer“

Mirko Szewczuk 
1952

In der Bundesrepublik kündigt sich das Wirtschaftswunder an: Fresswelle, Möbelwelle, Kleiderwelle, Autowelle, Reisewelle. Schon bei der ersten dieser Wirtschaftswunderwellen kann die DDR nicht mithalten. Die Versorgung der 17 Millionen DDR-Bürger beschränkt sich auf das Nötigste. Ohne Hilfe aus der Sowjetunion und den osteuropäischen Ländern würde sich die angespannte Versorgungslage zur Hungersnot auswachsen.

Der 17. Juni 1953

Party (Josef Partykiewicz)
1953

In der DDR entlädt sich der Volkszorn über die miserable Ver­sorgungslage bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitsnormen. Streiks breiten sich auf die ge­samte DDR aus und wachsen zu einem Volksaufstand. Die DDR­ Führung ruft die Rote Armee zu Hilfe. Sowjetpanzer walzen den Aufstand nieder und retten (v. l.) Grotewohl (Ministerpräsi­dent), Pieck (Staatspräsident) und Ulbricht (SED­ Parteichef) vor dem Sturz in den Abgrund. An die Hundert Demonstranten kommen ums Leben, mehrere Funktionäre und Sicherheits­kräfte werden von der aufge­brachten Menge gelyncht, 21 To­desurteile werden vollstreckt und fast 2 000 DDR ­Bürger verhaftet.

Frei und geheim gewählt

Mirko Szewczuk
1955

Der DDR laufen die Leute weg – seit ihrer Gründung haben schon 1,5 Millionen „nach drüben gemacht“. 1955 sind es wieder 252 870 DDR-Bürger. Der Exodus schwächt die DDR- Wirtschaft nachhaltig. Vor allem das Schlupfloch Berlin ist SED-Chef Walter Ulbricht ein Dorn im Auge. SED-ZK-Mitglied Karl Schirdewan kommentiert diese „Abstimmung mit den Füßen“ (Lenin): „Wenn monatlich 20 000 bis 50 000 alte Leute in die BRD ziehen, weinen wir ihnen keine Träne nach. Im Gegenteil ! Aber den Verlust von 5 000 und mehr Fachkräften je Monat können wir nicht ohne rigorose Gegenmaßnahmen hinnehmen.“

„Kann dir die Hand nicht geben, derweil ich eben lad’ …“

Ernst Maria Lang
1955

Die Grenze zwischen der Bundes­republik und der DDR trennt nicht nur Deutschland von Deutsch­land – sie trennt auch Europa und die Welt. Nach dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO (9. Mai) wird als Antwort fünf Tage später in Warschau unter Führung der Sowjetunion der Warschauer Pakt gegründet. An der deutsch­-deutschen Gren­ze scheiden sich die Interessen der Weltmächte. Bundeskanzler Konrad Adenauer und Walter Ulbricht (Erster Sekretär des ZK der SED) schieben stellvertretend Wache am Eisernen Vorhang.

„Es ist so schön, Soldat zu sein“

Hanns Erich Köhler
1956

In Andernach bei Bonn (Heer), Wilhelmshaven (Marine) und Nörvenich bei Köln (Luftwaffe) rücken am 2. Januar 1956 1 500 Freiwillige in die Kasernen ein. Der Gründung der Bundeswehr folgt – fast zeitgleich – die Schaffung der Nationalen Volksarmee der DDR (18. Januar). Die DDR verfügt allerdings schon seit 1950 mit den Betriebskampfgruppen über eine heimlich aufgebaute gut gerüstete Armee. Viele Deutsche empfinden Betroffenheit bei dem Gedanken, dass im Konfliktfall deutsche Soldaten verpflichtet sind, aufeinander zu schießen.

Intelligenzschwund

Wilhelm Hartung
1958

Die „Republikflucht“ aus der DDR hält unvermindert an. 1957 werden 261 622 Flüchtlinge gezählt, 1958 sind es 204 092, darunter vor allem junge Men­schen und An gehörige der so­genannten „Intelligenzschicht“ wie Lehrer, Ärzte, Ingenieure und qualifizierte Facharbeiter. Auch Chruschtschows im No­vember 1958 erneut vom Zaun gebrochene Berlin­-Krise (Moskaus Vorschlag: Berlin wird ent­militarisierte Freistadt) hält die „Republikflüchtlinge“ nicht zu­rück. Die DDR verliert im Durch­schnitt Tag für Tag die Bevölke­rung eines ganzen Dorfes.

„Macht das Tor auf, wenn ihr meint, dass ihr’s könnt !“

Henry Meyer-Brockmann
1960

Nikita Chruschtschow zeigt der Welt was eine russische Harke ist. Im Mai 1960 lässt er die Pariser Gipfelkonferenz platzen und düpiert US-Präsident Dwight D. Eisenhower, Großbritanniens Premier Harold Macmillan und Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle, die er stundenlang warten lässt, während er eine Landpartie zu französischen Kommunisten unternimmt. Im Oktober haut er bei der UNO in New York mit seinem Schuh aufs Rednerpult und droht mit dem Austritt aller Ostblockstaaten aus der Weltorganisation. Und immer wieder droht er mit seiner Schlüsselgewalt für Berlin.

„Nu machmer nadierlich widder jeder hibbsch für sisch alleene!“

Manfred Oesterle
1960

Ein Hauch von Einigkeit zwischen den beiden deutschen Staaten vom 25. August bis 11. September 1960: Die Olympischen Spiele in Rom. Schulter an Schulter kämpfen Sportler aus Ost und West unter der schwarz-rot-goldenen Fahne mit den olympischen Ringen in einer gesamtdeutschen Mannschaft um die Medaillen. Mit 12 Gold-, 19 Silber- und 11 Bronzemedaillen erreichen sie Platz 4 auf der Weltrangliste. Doch nach den Olympischen Spielen ist wieder Schluss mit der vorübergehenden gesamtdeutschen Einheit.

Die Vertreibung ins Paradies

Paul Flora
1961

„Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine (…) Kontrolle an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist“, so beschließt der DDR­ Ministerrat am 12. August 1961. Tatsächlich soll der Bau der Grenzsicherung dem weiteren Ausbluten der DDR durch die Flucht ihrer Bürger in den Westen entgegenwirken.

Die Mauer fest im Blick

Fritz Behrendt
1961

„Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau … Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, versichert der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 5. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz gegenüber der „Frankfurter Rundschau“. Nur fünf Wochen später, am 13. August 1961, kappen Grenzpolizei und Betriebskampfgruppen der DDR alle Verkehrswege zwischen Ostberlin und Westberlin. Sperrzäune und Stacheldraht sind die Vorboten der Berliner Mauer, mit deren Bau drei Tage später begonnen wird.

Berlin und seine Baumeister

Klaus Pielert
1961

Der DDR ­Staats-­ und Parteichef reiht sich ein in die Galerie der großen Baumeister Berlins. Sei­ne „Kollegen“ Andreas Schlüter (Zeughaus), Carl Ferdinand Lang­hans (Brandenburger Tor) und Karl Friedrich Schinkel (Königs­wache, Schauspielhaus) gucken etwas skeptisch, als Walter Ul­bricht sich am 13. August 1961 anschickt, das längste Bauwerk Berlins zu errichten: Die Mauer. Der 167,8 Kilometer lange „anti­faschistische Schutzwall“ wird von 1961 bis 1989 bis zu 245 Men­schen bei Fluchtversuchen das Leben kosten.

Das demokratische Berlin schlägt die Tür zu

L. Samoilow (Sowjetunion)
1961

Das Moskauer Satire-Magazin „Krokodil“ sieht den Bau der Berliner Mauer natürlich etwas anders: eine „friedenssichernde Maßnahme“, die den „faschistischen, militaristischen und eroberungslüsternen Revanchisten und Agenten Westdeutschlands und Westberlins“ die Tür vor der Nase zuschlägt. In diktatorisch regierten Staaten wird die Karikatur meist als staatlich gelenkte Propaganda missbraucht.

Balanceakt in Berlin

Ronald Searle (Großbritannien)
1963

Der Ost-West-Konflikt wird vor allem mitten in Deutschland und mitten in Berlin ausgetragen. Der Friedensengel wacht in schwieriger Mission darüber, dass sich der Kalte Krieg nicht zu einem Weltbrand entwickelt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und sein Vertrauter Egon Bahr bauen lieber auf die Gestaltungskraft der Politik und bereiten eine neue Ostpolitik vor: Am 17. Dezember unterzeichnen Vertreter der DDR und des Berliner Senats das erste Passierscheinabkommen. Bahr erläutert erstmals öffentlich sein Konzept vom „Wandel durch Annäherung“.

Am Draht – direkt zwischen
Washington und Moskau

Hanns Erich Köhler
1963

US-­Präsident John F. Kennedy nennt bei seinem historischen Besuch in Berlin am 26. Juni 1963 die Mauer „die abscheulichste und die stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems“. Unmittelbar vor seiner Rede am Schöneberger Rathaus, die von 400 000 Berlinern stür­misch bejubelt wird und die in dem Satz „Ich bin ein Berliner“ gipfelt, besichtigt Kennedy die Mauer am Brandenburger Tor. Den Blick durchs Tor in den Ost­ teil der Stadt verwehren ihm Sichtblenden und riesige DDR­-Fahnen.

Sündenfall

Horst Haitzinger
1967

Die Große Koalition von CDU/CSU und SPD stößt auf Initiative von Bundesaußenminister (seit 1966) Willy Brandt einen innerdeutschen Dialog auf Regierungsebene an. DDR-Ministerpräsident Willi Stoph richtet einen Brief an Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, in dem er die Anerkennung der europäischen Nachkriegsgrenzen, den Verzicht auf Atomwaffen und die Halbierung der Rüstungsausgaben in beiden deutschen Staaten vorschlägt. Kiesingers Antwort fällt eher kühl aus. Allein die Annahme des Stoph-Briefs und seine Beantwortung werden in den Reihen der CDU/CSU als Sündenfall kritisiert.

Wanderstäbe vom Partner –
oder: Friendly Fire

Jupp Wolter
1968

Die Ostpolitik steht im Zentrum der neuen deutschen Außenpo­litik von Bundesaußenminister Willy Brandt (SPD). Bei seinem Koalitionspartner gibt es wach­senden Unmut über den Öff­nungsversuch nach Osten. Vor allem die Frage der Anerkennung der Oder-­Neiße­Linie als West­grenze Polens wird zum erbitter­ten Zankapfel. Brandt ist es leid, dass ihm immer wieder Knüppel in den Weg geworfen werden. Er droht auf dem SPD­-Bezirks­parteitag in Barsinghausen bei Hannover mit Rücktritt und dem Ende der Großen Koalition, sollten die Querschläge aus der Union eine Mehrheit in der CDU/CSU-­Bundestagsfraktion finden.

Orientierungsschwierigkeiten

Jupp Wolter
1968

Die Bundesdeutschen tun sich schwer mit dem zweiten deut­schen Staat, den die offizielle Bonner Politik als solchen nicht anerkennt. Von Gänsefüßchen bis „sogenannte“ werden immer neue Tricks erfunden, um den Namen „Deutsche Demokratische Repu­blik“ nicht nennen zu müssen. Trotzdem nimmt die neue Ostpoli­tik Fahrt auf. Nachdem im Januar der fortschrittliche Walter Scheel den konservativen Erich Mende als FDP­Vorsitzenden abgelöst hat, schwenkt auch die oppositio­nelle FDP auf den Entspannungs­kurs Willy Brandts ein. Ein Jahr später regiert eine sozialliberale Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel in Bonn.

Prager Beat

Ernst Maria Lang
1968

Mit der Entmachtung des „Betonkopfes“ Antonín Novotný übernimmt Alexander Dubček die Führung in Prag und leitet umfas­sende Reformen ein: Abschaffung der Pressezensur, strikte Einhal­tung von Rechtsnormen, öffent­liche Diskussion nationaler Belan­ge. Dubček wird zum Helden der Volksmassen – nicht nur in der Tschechoslowakei. Die anderen Ostblockstaaten – allen voran die DDR – beobachten den Prager Frühling mit zunehmender Ner­vosität. Am 21. August überschrei­ten Truppen der Sowjetunion, Polens, Bulgariens und Ungarns die Grenzen zur ČSSR und ersti­cken den Prager Frühling unter Panzerketten.

Die Zensurschere im Hinterkopf

Manfred Bofinger (DDR)
1970

Diese hintergründige Karikatur kommt über das Stadium der Skizze nicht hinaus. Sie war für die Ausstellung „Treppenwitz“ des Ostberliner Kabaretts „Distel“ im Admiralspalast der Friedrichstraße vorgesehen. Die „Distel“, die 1958 mit dem Programm „Hurra! Humor ist eingeplant“ an den Start gegangen war, lag seitdem immer wieder mit den SED-Granden über Kreuz. Inzwischen hatten die Verantwortlichen schon die Zensurschere im Hinterkopf. So auch Kabarett-Chef Otto Stark, der die Zeichnung als „zu gewagt“ einstufte und aus der Ausstellung verbannte.

Entschärfung

Fritz Wolf
1970

Aufbruchstimmung in der sozial­liberalen Koalition. Vor allem die neue Ostpolitik prägt den Beginn der Siebzigerjahre. Egon Bahr, Willy Brandts Vertrauter für Ent­spannung zwischen Ost und West, sondiert in Moskau. In Warschau wird der schwierige Aussöhnungs­dialog mit Polen eingeleitet. Brandt kündigt Verhandlungen mit der DDR über eine Gewaltver­zichtserklärung an und trifft DDR-­Ministerpräsident Willi Stoph im März in Erfurt (wo er zum Schre­cken der vielen Polizisten und Stasiagenten mit begeisterten „Willy­ Willy“­Rufen begrüßt wird) und im Mai nochmals in Kassel. Im August wird der Moskauer Ver­trag unterzeichnet, im Dezember der deutsch­polnische Vertrag.

An der Dolchstoßlegende strickend

Paul Flora
1970

Schärfster Gegner der Entspan­nungspolitik der SPD/FDP­Koali­tion ist der CSU­-Vorsitzende Franz Josef Strauß. Im „Bayernkurier“ bezeichnet er den Moskauer Gewaltverzichtsvertrag als „ein Instrument der Machtpolitik der Sowjetunion“. Strauß weiter: Der Vertrag sei „Vorreiter der Büchsenöffner, mit dem die Pandora-Büchse, die Büchse des Unheils, geöffnet werden soll“. Auch CDU/CSU­Frak­tionschef Rainer Barzel bekämpft den neuen Kurs der Regierung, der ein Ausverkauf der deutschen Interessen vorgeworfen wird.

Die Unterschrift des Jahres

Hanns Erich Köhler
1970

Mit dem deutsch­polnischen Vertrag über „die Normalisierung der beiderseitigen Beziehungen“ erreicht die neue Ostpolitik einen ersten Höhepunkt. Bundeskanzler Willy Brandt und Polens Minis­terpräsident Józef Cyrankiewicz unterzeichnen in Warschau den Vertrag, der die Oder-­Neiße­-Linie als Westgrenze Polens besiegelt und die Aufnahme diplomati­scher Beziehungen ermöglicht. Während seines Warschau­Be­suchs setzt Willy Brandt mit seinem spontanen Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer des War­schauer Ghetto­Aufstands ein weltweit beachtetes Zeichen der Versöhnung. Kritik hagelt es von rechts, vor allem von den Funktio­nären der Vertriebenenverbände.

Kontinuität à la DDR

Ernst Maria Lang
1971

Am 3. Mai tritt Walter Ulbricht (77) nach über 20 Jahren als Erster Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED zurück und schlägt den im saarländischen Wiebelskirchen geborenen Erich Honecker als Nachfolger vor. Honecker ist seit Kriegsende an der Seite Walter Ulbrichts und war bis 1955 Vorsitzender des SED-Jugendverbands FDJ. Vom Machtwechsel in Ost-Berlin ist jedoch kein Kurswechsel zu erwarten. Honecker ist von Entspannung gegenüber der Bundesrepublik genauso weit entfernt wie sein Vorgänger. Kontinuität in der Konfrontation ist angesagt.

Sisyphos

Horst Haitzinger
1971

Überraschung aus Oslo: Am 20. Oktober spricht das Nobelpreiskomitee Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis zu: Willy Brandt habe „seine Hand zur Versöhnung zwischen Völkern ausgestreckt, die lange Zeit Feinde waren“. Deutschlandpolitik bleibt jedoch Sisyphosarbeit, auch wenn die „Politik der kleinen Schritte“ erste zarte Erfolge verzeichnet: Die seit 1952 unterbrochene Telefonverbindung zwischen Ost- und Westberlin wird wieder aufgenommen. Im Dezember wird im ersten deutsch-deutschen Abkommen der Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und Berlin (West) geregelt.

Jagdfrevel in Bonn

Ernst Maria Lang
1974

Die Guillaume­Affäre erschüttert die Republik. Der persönliche Referent des Kanzlers wird am 24. April unter dem – später bestätigten – Verdacht der Spiona­ge für die DDR verhaftet. Zwei Wochen danach tritt Bundes­kanzler Willy Brandt zurück. Er übernimmt die Verantwortung für Fahrlässigkeiten anderer, heißt es offiziell. Später berichtet Brandt, er habe sich vom SPD­-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner im Stich gelassen gefühlt (Wehner während eines Moskau­besuchs über Brandt: „Der Herr badet gerne lau“). Am 6. Mai 1974 wird Helmut Schmidt als Brandts Nachfolger zum fünften deut­schen Bundeskanzler gewählt.

Happy Birthday

Horst Haitzinger
1979

Die DDR feiert ihr 30­jähriges Bestehen – eingemauert. Auch die pompöse Parade mit mo­dernen – sowjetischen – Waf­fensystemen und prominenten Geburtstagsgästen aus allen Ostblockstaaten kann über den wahren Zustand des ostdeut­schen Staates nicht hinwegtäu­schen. Vor allem im Umgang mit kritischen Schriftstellern lässt die DDR-­Führung erkennen, was sie unter Freiheit der Kultur versteht: Viele Kulturschaffende werden diskriminiert, verfolgt, verhaftet oder aus ihrer ostdeutschen Hei­mat ausgebürgert (z. B. Wolf Bier­mann 1976, Rudolf Bahro 1979).

Begegnung in Belgrad

Ernst Maria Lang
1980

Am Rande der Trauerfeier für den jugoslawischen Staatschef Josip Broz Tito kommt es Anfang Mai zu einer kurzen Begegnung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem DDR­-Staatsrats­vorsitzenden Erich Honecker in Belgrad. Beide stimmen überein, dass der wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan abge­rissene Dialog zwischen Ost und West wieder in Gang gebracht werden und die Entspannungs­politik in Europa fortgesetzt wer ­ den müsse. Im Januar war ein Treffen Schmidt/Honecker wegen der Afghanistankrise abgesagt worden.

Schwerter zu Pflugscharen

Walter Hanel
1983

Schon im Februar 1982 versam­melten sich 5.000 meist junge DDR­-Bürger anlässlich des 37. Jahres­tages der Zerstörung Dresdens in der Kreuzkirche der Stadt zu einem Friedensforum. Sie forder­ten die Abschaffung der Militari­sierung der Jugend durch Wehr­erziehung sowie die Einführung eines zivilen Wehrersatzdienstes. Jugendpfarrer Rainer Eppelmann initiierte den Berliner Appell
„Frieden schaffen ohne Waffen“. 1983 verstärkt sich die unabhän­gige Friedensbewegung in der DDR. Die Staatsführung ist irri ­tiert und reagiert mit Sanktionen. Das Emblem vieler junger Chris­ten, „Schwerter zu Pflugscharen“ (Micha 4,1–4), wird verboten.

Warten auf Gorbi

Horst Haitzinger
1985

Westliche Medien berichten, dass der Schießbefehl an den innerdeutschen Grenzen aufgehoben werden soll. Wenig Grund zur Euphorie angesichts der realen Existenz der Mauer. Die Meldungen kommen allerdings einige Jahre zu früh. Erst am 3. April 1989 stoppt die DDR auf massiven Druck von Kremlchef Michail Gorbatschow das Morden an Mauer und Stacheldraht. Insgesamt kamen von 1961 bis 1989 an den innerdeutschen Grenzen 1 065 Menschen ums Leben. Das letzte Opfer des Schießbefehls war am 6. Februar 1989 der Ostberliner Chris Gueffroy (20).

Ausgerechnet bei Rosa

Fritz Behrendt
1988

Am Rande einer Gedenkdemon­stration für die ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg („Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“) und Karl Liebknecht nimmt die DDR­-Staats­sicherheit am 17. Januar 120 An­dersdenkende fest. Es sind kri­tische Intellektuelle, die sich für Frieden, Menschenrechte, Mei­nungsfreiheit und Umweltschutz engagieren. Das DDR-­Regime führt sich selbst ad absurdum. Honecker, der die Zeichen der Zeit (und die aus Moskau) nicht versteht, will die stetig wachsen­de Opposition einschüchtern, ein­sperren und notfalls ausweisen. Die Kirchen geraten ins Zentrum des Konflikts zwischen DDR-­Staatsmacht und Opposition.

Requiem statt Jubelfest

Horst Haitzinger
1989

Gezeichnet vom Zerfall ihres Staates feiern sich die DDR-Granden am 7. Oktober anlässlich des 40. Geburtstags der DDR. Mit Tschingderassabum und militärischem Pomp, mit kommunistischem Pathos, Fackelzügen und Volksfesten wird versucht, die Gäste aus den sozialistischen Bruderstaaten über die wahre Situation in der DDR hinwegzutäuschen. Nur wenige Häuserblocks von der Festtribüne entfernt brodelt es wie überall in der DDR. Das Ende ist nicht mehr aufzuhalten. Einer weiß es und warnt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (Michail Gorbatschow zu Erich Honecker).

Als die Gänsefüßchen laufen lernten

Dieter Rabenau
1989

Die über 40 Jahre zementierte Nachkriegsordnung in Europa implodiert binnen weniger Mona­te. Nach Polen und der Tschecho­slowakei wird auch die DDR von wachsenden inneren Unruhen er fasst. Die Niederschlagung des Volksaufstandes 1953 und der Mauerbau 1961 konnten den Nie­dergang der DDR nur verzögern. Dem Regime laufen die Leute weg. Das Kürzel „DDR“ wurde im Westen als Zeichen der Nichtan­erkennung jahrelang nur in Gän­sefüßchen gesetzt. 1989 lernen die Gänsefüßchen das Laufen: 300.000 DDR-­Bürger verlassen das Land. Zuerst über Ungarn, dann über Prag und später direkt über die innerdeutsche Grenze.

Der harte Kern

Walter Hanel
1989

Unter dem Druck der Ausreise­welle von DDR­-Bürgern und den anschwellenden Massenprotesten tritt Erich Honecker nach 18­jäh­riger Amtszeit „aus gesundheitlichen Gründen“ von seinen Ämtern zurück. Es folgt Egon Krenz. Hin­ter seinen Reformversprechun­gen erkennen die DDR­-Bürger den alten Apparatschik, den Wolf im Schafspelz. Krenz ist nur eine kurze Amtszeit beschieden. Am 3. Dezember kommt auch für ihn das Aus. Politbüro und ZK der SED werfen das Handtuch. Gre­gor Gysi übernimmt und macht aus der SED die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus).

So ein Tag …

Walter Hanel
1989

Am 9. November ist der Druck im Kessel nicht mehr zu halten. In ei­ner vom DDR-­Fernsehen live über­tragenen Pressekonferenz kramt Günter Schabowski, Mitglied des SED­-Politbüros, am Ende einen Zettel aus der Tasche: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen … über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.“ Auf Nachfrage stammelt er: „Das tritt nach meiner Kenntnis … – ist das sofort, unverzüglich.“ Der Damm ist gebrochen, die Mauer fällt. Angesichts des Massenandrangs gibt ein beherzter DDR­-Hauptmann den Befehl, die Schlagbäume zu öffnen. Es gibt kein Halten mehr. Berlin und ganz Deutschland er­leben eine bewegende Nacht.

„Mein Gott, gucken Sie denn kein Fernsehen?“

Bill Caldwell (Großbritannien)
1989

In der ersten Stunde nach Öff­nung der Mauer herrscht am 9. November angespannte Ruhe in Ost-­Berlin. Ungläubiges Staunen und verhaltene Skepsis machen erst gegen 20 Uhr einem Massenansturm auf die Grenzübergänge Platz. Westberliner stehen Spalier für Trabbi­-Kolonnen. Über 50 000 Ostberliner verbringen die Nacht auf den Straßen Westberlins. Am nächsten Morgen winken über­nächtigte DDR­-Grenzpolizisten die jubelnden Menschen nur noch durch. Der englische Ka­rikaturist Bill Caldwell hat den einzigen Ostberliner entdeckt, der noch auf „traditionelle Art“ in den Westen gelangen wollte.

Platz da!

Erich Heidemann
1989

Auf Einladung der beiden Kir­chen in der Noch­DDR treffen sich am 7. Dezember Vertreter der Volkskammer­Blockparteien („Blockflöten“) und der neuen politischen Gruppierungen wie „Neues Forum“, „Demokratie jetzt“, „Vereinigte Linke“, SDP (ab 31. Januar 1990 SPD), „Demokra­tischer Aufbruch“, „Grüne Partei“, „Initiative Frieden und Menschen­rechte“, „Grüne Liga“ und „Unhab­hängiger Frauenverband“ am run­den Tisch. Dieser soll nach dem Vorbild Polens und Ungarns als Kontrollorgan bis zu freien Volks­kammerwahlen wirken. Heimlich – aber unübersehbar – mit am Tisch sitzt der „reiche Vetter aus dem Westen“ und zeigt, wer hier wirklich das Sagen hat.

Pflanzen und ernten

Klaus Pielert
1989

Es ist Bundeskanzler Helmut Kohl, der sofort zugreift nach dem Zusammenbruch der staatlichen Strukturen in der DDR und alle Hebel in Bewegung setzt, um die Wiedervereinigung Deutschlands in die Wege zu leiten. Er räumt die Bedenken der Alliierten und der Nachbarn beiseite, knüpft einen belastbaren Draht zu Michail Gor­batschow und hat schließlich Er­folg. Dieser Erfolg basiert auf der zwei Jahrzehnte zurückliegenden Entspannungs-­ und Ostpolitik, die Bundeskanzler Willy Brandt Anfang der Siebzigerjahre gegen den Widerstand von CDU und CSU eingeleitet hat.

„… das sagt der Willy so leicht !“

Jupp Wolter
1989

Berlin, Platz vor dem Schöne­berger Rathaus: Am Tag nach der Öffnung der Mauer sagt Willy Brandt vor mehreren Zehntausend Menschen den berühmt gewordenen Satz: „Wir sind jetzt in einer Situation, wo wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“ 1961, als die Mauer durch Berlin gezogen wurde, war er in diesem Rathaus Regierender Bürger­meister. Das mit dem Zusam­menwachsen hat allerdings in der Praxis seine Tücken – und es wird dauern.

Heidewitzka

Reiner Schwalme
1989

Endlich Bananen, endlich Reisefreiheit, endlich Schwarz-Rot-Gold ohne Hammer und Zirkel. Die Freude der meisten DDR-Bürger ist grenzenlos. „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“, hat Bundeskanzler Kohl versprochen. Jetzt wird alles besser. Doch was unter der Woge der Begeisterung lauert, das kommt noch: Zerfall der wirtschaftlichen Strukturen, Arbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit. Die raue Luft des Marktes löst die Umsorgtheit auf bescheidenem Niveau ab. Wie sagte Helmut Kohl: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Kurz angeleint

Louis Mitelberg (TIM, Frankreich)
1989

Der deutsche Kanzler ergreift nach dem Kollaps der DDR beherzt die ihm mit Hilfe von Michail Gorbatschow zugefallene Chance und organisiert zielstrebig die rasche Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik. Kaum drei Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer legt er dem Deutschen Bundestag den „Zehnpunkteplan zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ vor. Der Pariser „L’Express“ hievt Helmut Kohl auf das symbolträchtige Brandenburger Tor als Wagenlenker in der Pose von Victoria, der die vier Alliierten vor seinen Karren spannt.

„Glei ditscht se nei“

Louis Rauwolf (DDR)
1990

Die DDR-Sonne geht unter. Aus der Sicht des Ostberliner Karikaturisten nehmen die DDR-Bürger den sich abzeichnenden Untergang ihres Staates meist als Zuschauer wahr. Was tatsächlich auf die Menschen zwischen Rügen und Rennsteig zukommt, das wird sich erst nach dem 1. Juli (Einführung der D-Mark in der DDR) und dem 3. Oktober erweisen, an dem der Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR die Existenz des ostdeutschen Staates endgültig beendet.

„Ja, wen haben wir denn da?“

LUFF (Rolf Henn)
1990

Zehn mutmaßliche RAF-­Terro­risten werden im Juni in der DDR aufgespürt und verhaftet. Sie hatten sich mit Hilfe der Stasi versteckt und zum Teil seit zehn Jahren eine bürgerliche Exis­tenz mit neuem Namen meist in Ost-­Berlin aufgebaut (z. B. die am Mord von Jürgen Ponto beteilig­te Susanne Albrecht alias Ingrid Jäger als Chemielaborantin). Die Stasi wollte mit der Unterstüt­zung der RAF den Westen de­stabilisieren. So wurden mehrere Kommandomitglieder um den Terroristen Christian Klar bis Mitte der Achtzigerjahre in Stasi­-Camps militärisch ausgebildet.

Die Sonne geht auf

Walter Hanel
1990

Zehntausende Menschen war­ten bereits in der Nacht auf die Öffnung der Filiale der Deutschen Bank am Ostberliner Alexander­platz, die als erste von 15 000 Geldinstituten DDR­-Mark in D-­Mark umtauscht. Ab 1. Juli können 2 000, acht Tage später bis zu 6 000 DM zum Kurs 1:1 getauscht werden. Für höhere Guthaben und Verbindlichkeiten gilt der Kurs 2:1. Der Regelung ging ein langer Streit voraus. Bundesbank­chef Karl Otto Pöhl nennt die Währungsunion „überhastet“ und „katastrophal“. Pöhl: „Es kann heute keinen Zweifel mehr geben, dass dies eine ökonomisch verhängnisvolle Entscheidung war.“

Straße der Einheit

Klaus Pielert
1990

Die Debatte um das Wie der deutschen Einheit wird vor allem wirtschafts-­ und finanztechnisch geführt. Die gesellschaftlichen und menschlichen Verwerfungen, die die Vereinigung der grund­verschiedenen Gesellschaften mit sich bringen wird, bleiben weitgehend auf der Strecke. Bun­desfinanzminister Theo Waigel und Bundeskanzler Helmut Kohl pflastern die DDR mit Geld zu. Im Fonds „Deutsche Einheit“ sam­meln der Bund und die westdeut­schen Länder 115 Milliarden DM. Allein 15 Jahre später summieren sich die Kosten der Einheit auf bereits 2 Billionen Euro.

Manneken Pis: La Fontaine

Horst Haitzinger
1990

Die hastige Einführung der D-­Mark beraubt die DDR-­Wirtschaft ihrer Märkte im Osten. Gegenüber der westdeutschen Wirtschaft ist sie nicht konkurrenzfähig. Außerdem bevorzugen ostdeutsche Ver­braucher jetzt Westwaren. Die Folgen: Arbeitslosigkeit und sozi­ales Elend dort, wo bisher soziale Sicherheit – wenn auch auf nied­rigem Niveau – herrschte. Oskar Lafontaine, SPD­-Kanzlerkandidat und Gegner des Einigungsver­trags, empfiehlt seiner Partei, den Vertrag im Bundestag abzuleh­nen, im Bundesrat aber passieren zu lassen. Was tricky gemeint war, stürzt die SPD in eine Zerreißpro­be. Sie verliert die erste gesamt­deutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990.

„Macht das Tor auf – wir kommen“

Jupp Wolter
1990

Die Wirtschafts-­, Währungs-­ und Sozialunion bringt am 1. Juli posi­tive Veränderungen für die ost­deutsche Bevölkerung – vor allem aber für westdeutsche Investo­ren. Bundeskanzler Helmut Kohl spricht von „blühenden Landschaften“ im Osten, die er in naher Zukunft sieht, und verspricht: „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“. Mit dem neuen Wirtschafts­system kommen auch unange­nehme Überraschungen auf die DDR-­Bürger zu, z. B. westdeutsche Glücksritter und Steuereintreiber. Manche wünschen sich die DDR-­Zeit zurück, in der alles – auch der Mangel – geregelt war. Statt der Landschaften blüht Ostalgie auf.

Der Schattenmann

Helmut Jacek
1990

Auf Schritt und Tritt begleitet der Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) die Wiedervereini­gung. Demonstranten stürmen Mitte Januar die Stasi-­Zentrale in der Berliner Normannenstraße. Viele Stasi­-Agenten haben Unter­schlupf in der neuen DDR-­Re­gierung gefunden. Wenige Wo­chen vor der Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) werden 57 Stasi­ „Offiziere im besonderen Einsatz“ in DDR-­Ministerien enttarnt. Erich Mielkes Geheimpolizei verfügte über 90 000 hauptamtliche und mindestens 173 000 „inoffizielle“ Mitarbeiter (IM). Das ganze Aus­maß des Spitzelsystems in der DDR wird nie vollständig ans Tageslicht kommen.

Die Verwandlung

Karl-Heinz Schoenfeld
1990

Nach der Implosion der DDR verwandelt sich der Marxismus auf deutschem Boden rasant in den „Markismus“. Karl Marx würde in seinem Grab auf dem Londoner Highgate Cemetery rotieren, wenn er wüsste, was aus seinen Theorien geworden ist. In der DDR war Marx überall präsent. Der Marx-­Kult umfasste Straßen, Plätze, Schulen, Betriebe, Kindergärten, Kasernen, Kul­turhäuser, die Leipziger Univer­sität und mehr. Nach der Wende wird Marx abgewickelt. Auch Karl-­Marx­-Stadt heißt nun wieder Chemnitz. Der Sozialismus kom­munistischer Prägung liegt auf der Müllhalde der Geschichte. Die „Mark-­Wirtschaft“ trium­phiert.

Deutsch-deutsches Puzzle

Pancho (Francisco Graells, Frankreich)
1990

Die ostdeutsche Wirtschaft be­findet sich in einem desolaten Zustand und in Auflösung. Die Versorgungslage ist in weiten Teilen der DDR in den letzten Jahren immer prekärer geworden. Aus Sicht des französischen Ka­rikaturisten gibt es keine Augen­höhe zwischen dem Wirtschafts­riesen Bundesrepublik und der kollabierenden DDR. DDR­-Ministerpräsident Hans Modrow (rechts) präferiert eine deutsche Föderation und fordert von Bonn eine Finanzspritze von bis zu 15 Milliarden Mark. Bundes­kanzler Helmut Kohl bleibt bei seinem Plan des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik.

Und tschüss!

Roland Beier (DDR)
1990

In fast allen Ländern Mittel- und Osteuropas lösen sich die kommunistischen Strukturen auf: Polen, die ČSSR und Ungarn haben sich nach friedlichen Revolutionen auf den Weg in die Demokratie gemacht. Die baltischen Staaten Lettland und Litauen sagen sich von der Sowjetunion los, Estland folgt 1991. Schon Ende 1989 wurde in Rumänien der Diktator Nicolae Ceauşescu gestürzt und hingerichtet. Auch in Bulgarien und im ehemaligen Jugoslawien ist der Kommunismus am Ende. Die DDR tritt der Bundesrepublik bei und die Sowjetunion zerfällt. Karl Marx sagt Tschüss.

Good Bye, Lenin

Peter Brooks (Großbritannien)
1990

Auch die leninistische Staatsdoktrin überlebt die Revolutionen der Jahre 1989/1990 nicht. Das entstandene Vakuum füllt zunächst ein ungezügelter Kapitalismus aus. Von der DDR bis nach Russland, vom Baltikum bis zum Kaukasus erobern skrupellose Oligarchen, dubiose Geschäftemacher und korrupte Politiker Einfluss und unanständige Vermögen. Die soziale Marktwirtschaft in einer demokratischen Gesellschaft ist nicht überall die direkte Nachfolgerin der kommunistischen Planwirtschaft. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) prägt den Begriff vom „Raubtierkapitalismus“.

„Im Stechschritt – Marsch“

TIM (Louis Mitelberg, Frankreich)
1990

Offiziell signalisieren die europäischen Nachbarn uneingeschränkte Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands. Doch es gibt auch skeptische bis kritische Töne. Im Protokoll einer Debatte mit Wissenschaftlern wird die britische Premierministerin Margaret Thatcher zitiert: „Selbst die Optimisten unter uns konnten gewisse Befürchtungen hinsichtlich der Auswirkungen der Vereinigung der Deutschen in Europa nicht unterdrücken … Wir könnten nicht erwarten, dass ein vereinigtes Deutschland genauso denken und handeln würde, wie die Bundesrepublik … “

Mon Dieu

Jacques Bellenger (Frankreich)
1990

Nackte Angst scheint den gallischen Hahn (François Mitterrand) zu packen, als er feststellt, welches Ei der deutsche Adler ausgebrütet hat. Frankreichs Staatspräsident hatte anfangs erhebliche Bedenken gegen eine schnelle deutsche Wiedervereinigung. Sechs Wochen nach dem Fall der Mauer besuchte er die DDR. In einem Gespräch mit dem neuen SED-PDS-Chef Gregor Gysi argwöhnte Kohl-Freund Mitterrand: „Ich sehe schon genau vor mir, was kommen wird … Ein Deutschland mit 80 Millionen birgt immer die latente Forderung in sich nach Schlesien, Pommern, Masuren, Sudetenland …“

Zum Fressen gern

Jacques François Battelier (Frankreich)
1990

Bundeskanzler Kohl hat nach dem Fall der Mauer ein klares Ziel: rasche Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik. Schnell wird deutlich, dass der Junior aus dem Osten den Begehrlichkeiten des wirtschaftlich Mächtigen aus dem Westen nichts entgegenzusetzen hat. Die Übernahmebedingungen werden im Bonner Kanzleramt diktiert. Trotz offiziellen Beifalls bei den meisten Nachbarn Deutschlands sind Ängste vor einer zu großen Macht fülle des neuen Deutschlands nicht zu überhören. Bundespräsident Richard von Weizsäcker: „Vorbehalte unserer Nachbarn nehmen wir ernst.“

Chefkoch der Einheit

Paul Pribbernow
1990

Bei aller Einheitseuphorie sind auch die kritischen Töne am Einigungsprozess nicht zu überhören. Manche ehemalige DDR-Bürger fühlen sich überrumpelt, übergangen und nicht mitgenommen. Ihre Arbeitsplätze wurden weggefegt durch die Abwicklung weiter Teile der DDR-Wirtschaft, die zuvor neben der Sowjetunion die stärkste Volkswirtschaft im Ostblock gewesen ist. Jetzt ist die Plackerei von früher nichts mehr wert. Viele DDR-Bürger fühlen sich mehr und mehr eingewickelt, gargekocht und abgewickelt.

„Was nun, Herr Kohl?“

Fritz Behrendt (Niederlande)
1991

Im Gegensatz zu den euphorisch­-optimistischen Prognosen geht die Talfahrt der ostdeutschen Wirtschaft weiter. Später wird Kohl einräumen, dass er bewusst fal­sche Hoffnungen erweckt hat. Zwar versucht Bonn – entgegen früherer Versprechen („keine Steuererhöhungen“) – durch einen Solidaritätszuschlag auf Lohn­, Einkommens­ und Körperschafts­steuer sowie einer 20­prozentigen Mineralölsteuererhöhung Geld für den Aufbau Ost lockerzu­machen, doch der erweist sich als Fass ohne Boden. Im Osten wächst der Unmut. Ulbricht, Stalin und Honecker können ihre Häme nicht verbergen.

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“*

Barbara Henniger
1991

Die Treuhandanstalt ist mit der Privatisierung der 8 000 volkseigenen Betriebe (VEB) der DDR beauftragt. Ihr Präsident Detlev Karsten Rohwedder fällt einem Attentat der RAF zum Opfer. Ihm folgt Niedersachsens Wirtschaftsministerin Birgit Breuel als Chefin der Treuhand. Korruption, Untreue, Subventionschwindel und Betrug begleiten die Treuhand. Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft ist ein Segen für viele West-Investoren, über die sich das Füllhorn der Treuhand ergießt. Hinten raus kommen blaue Briefe. Zwei Drittel der Arbeitsplätze in den Treuhandbetrieben werden abgewickelt.

*Helmut Kohl)

Wir fahren nach Berlin

Felix Mussil
1991

Es gibt Argumente für und gegen Berlin und Bonn, als im Juni der Bundestag entscheidet, wo künf­tig Parlament und Regierung des vereinten Deutschlands residie­ren werden. Leidenschaftlich wird debattiert. Trotz der immensen Umzugskosten von veranschlag­ten 40 bis 90 Milliarden DM und trotz einer vereinigungsbeding­ten Rekordverschuldung des Bundes hat Berlin bei der Abstim­mung am 20. Juni die Nase knapp vorn: Mit 338 gegen 320 Stimmen schickt der Bundestag sich selbst und die Regierung auf die teure Reise nach Berlin. Jubel an der Spree, Tränen in Bonn am Rhein.

Bye-bye, Honni!

Gerd Mester
1994

81­jährig stirbt Erich Honecker in seinem Exil in Santiago de Chile. Von 1971 bis 1989 SED-­Generalse­kretär und DDR-­Staatsratsvorsit­zender hat Honecker bis zuletzt trotzig die linke Faust zum kom­munistischen Gruß gereckt. Nach einer Odyssee vom sowjetischen Militärhospital in Beelitz bei Berlin nach Moskau, und dort in die chilenische Botschaft geflüchtet, kehrte Honecker 1992 nach Ber­lin zurück, wo ihm und anderen hochrangigen SED-­Funktionären der Prozess wegen Totschlags ge­macht wurde. 1993 wurde dieser wegen Honeckers Krebsleiden eingestellt. Er emigrierte nach Chile, wo bereits Ehefrau Margot und Tochter Sonja auf ihn warte­ten.

Geht doch

Reiner Schwalme
1994

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“, zitierte Erich Honecker gerne. Erste Erfolge des Sozialismus nach der Wiedervereinigung sind bereits 1994 im Westen sichtbar: Im März wird der grüne Pfeil für Rechtsabbieger an west­deutschen Ampeln angebracht (VZ 720 nach StVO) . Den gab es früher nur in der DDR. Später kommen die DDR­-Ampelmänn­chen hinzu. Wenn das kein Erfolg des Sozialismus ist. Irgendwann werden im Westen auch Soljanka und Broiler aufgetischt, und dann heißt es wieder: „Bitte warten, Sie werden platziert.“

So ein Ärger

Walter Hanel
1995

„DER SPIEGEL“ entrüstet sich über das „Milliardengrab Aufbau Ost“ und spricht von einer „Jahrhundertabzocke“. Er spart dabei nicht an drastischen Beispielen: eine Luxuskläranlage, ausgelegt für 240 000 Menschen, wurde im 10 000- Einwohner-Städtchen Elsterwerda gebaut, eine palastartige Rehaklinik steht in Thüringen, beleuchtete Radwege usw. Von dem oft sinnlosen Bauboom profitieren nicht Ost-, sondern Westunternehmen. 65 Milliarden DM seien verschleudert worden. Ärger bei den Wessis, die an den Solidaritätszuschlag denken, der ihnen Monat für Monat vom Lohn abgeknöpft wird.

Dorfidylle in Sachsen-Anhalt

Karl-Heinz Schoenfeld
1998

12,9 Prozent (16 Sitze) für die rechtsextreme DVU bei der Land­tagswahl in Sachsen­-Anhalt. Ermöglicht hat dies eine beispiellose Kampagne des Münchner Verlegers Gerhard Frey („Deut­sche National­-Zeitung“). Ein Schock geht durch Ostdeutsch­land, wo rechtsradikales Gedan­kengut auf besonders frucht­baren Boden zu fallen scheint. Erinnerungen werden wach an die ausländerfeindlichen und rechtsextremen Ausschreitungen in Eberswalde (1990). Hoyerswer­da (1991), Rostock und Magde­burg (1992), sowie an Mölln (1992) und Solingen (1993).

Jahrhundertbauwerk?

Felix Mussil
1998

Trotzig hatte Erich Honecker noch am 19. Januar 1989 in einer Rede in Ostberlin verkündet: „Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen.“ Diese Worte gingen vor allem in Richtung Moskau, wo Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew die Mauer längst als „Relikt des kalten Krieges“ bezeichnet hat. Zehn Monate später war’s vorbei mit der Mauerei. Aber in den Köpfen vieler Deutscher lebt die Mauer fort – nach 10 Jahren, und auch jetzt noch, nach 30 Jahren.

Unverändertes Gefälle

Fritz Wolf
2000

Willy Brandts Ausspruch vom 9. November, nach dem „jetzt zusammenwächst, was zusammengehört”, hat die Lohntüten der Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern auch zehn Jah­re nach der Wiedervereinigung Deutschlands noch nicht erreicht. Die Arbeitslosenzahlen klaffen zwischen West (Januar 2000 über 10 Prozent) und Ost (Januar 2000 über 17 Prozent) ebenso ausein­ander wie die Löhne – nur in umgekehrter Richtung.

Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. www.revolution.sachsen.de

Details

Beginn:
13 November
Ende:
4 Dezember
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Galerie Forum K

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